Freitag, 23. Februar 2018

Print lebt: Neue Fahrradzeitschriften buhlen um Biker

Es rauscht kräftig im Blätterwald der Fahrradzeitschriften. Zum Saisonbeginn 2018 drängen gleich mehrere Neuerscheinungen verschiedener Verlage auf den umkämpften Printmarkt, der eigentlich Kunden verliert. Lesestoff für Biker dagegen scheint ein Wachstumssegment zu sein und ein Indiz dafür, dass Fahrradmobilität in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ein Blick auf die neuen Blätter Bike Bild, Bike Adventure, My Bike und Karl. Und auf ein paar wenig bekannte, aber lesenswerte Exoten.

Karl kommt: Neues Fahrrad-Szeneblatt aus Stuttgart

"Die Zeit der dicken Eier ist vorbei." Dazu ein Bild vom Schauspieler Jürgen Vogel, wie er in Kampfradler-Marnier auf seinem Fahrrad an stehenden Autos vorbei rauscht. Ohne Helm! Dafür mit Teufelsgruß der rechten Hand. Halleluja, das nenne ich mal einen gewagten Zeitschriften-Titel.
Ankündigung für Karl. Ob der Titel so bleibt?
Am 18. April wissen wir mehr

Zu finden ist er auf dem neuen Bike-Magazin namens "karl.", das von der Motorpresse aus Stuttgart verlegt wird. Ersterscheinung ist der 18. April, also in ein paar Tagen. Das ist bemerkenswert, denn die Motorpresse veröffentlicht sonst PS-Blätter wie auto, motor und sport, sportauto und Motorrad. Nun also ein Fahrradheft benannt nach dem Erfinder des Fahrrades Karl Drais.

Freiherr Karl von Drais erfand vor 201 Jahren das Fahrrad und ist Namensgeber des neuen Magazin Karl
Warum nicht? Schließlich heißen ja auch Autos so. Bin gespannt, ob Opel eine entsprechende Glückwunsch-Anzeige schalten wird... Oder wird es eine redaktionelle Opel-Story geben? Schließlich fing die Marke 1885 als Fahrradhersteller an mit Carl von Opel als einer seiner Protagonisten. Ich bin gespannt.

Dass ausgerechnet ein auf Autofahren spezialisierter Verlag sich dem Thema annimmt ist jedenfalls ein gutes Signal. Fahrradfahren liegt voll im Trend. Der Markt wächst, vor allem getrieben durchs E-Bike. Und damit steigt auch die Zahl der potentiellen Leser von Fahrradzeitschriften. Denn karl. ist nach Bike Bild, My Bike und Bike Adventure nur eine von mehreren Neuerscheinungen in diesem Segment.

Aus zwei mach eins: Ebike und Trekkingbike werden My Bike

Seit 11. April liegt bereits das zweite Heft von "My Bike" am Kiosk. Es erscheint im Delius-Klasing-Verlag und ist eine Fusion aus E-Bike und Trekkingbike - beide Titel verschwanden vom Markt. Aus zwei macht eins. Bedeutet das wirklich Wachstum? Klingt doch eher nach Schrumpfung. Es sei denn, My Bike erreicht eine höhere Auflage als die beiden eingestellten Titel. Das könnte durchaus sein, wenn das neue Magazin den richtigen Themenmix findet.

Die Logik hinter der Fusion könnte diese sein: Elektrofahrräder sind der wichtigste Wachsumstreiber der Branche und Trekkingräder die meistverkaufte Radgattung. Beide Segmente zu vereinen schafft folgerichtig ein Heft, das die breite Masse der Radfahrer und Kaufinteressierten ansprechen dürfte und so eine höhere Auflage verspricht als die beiden eingestellten Einzeltitel.

My Bike richtet sich damit nicht an eine spezielle Radfahrergruppe, sondern will alle Biker ansprechen. "Das Fahrrad - ob mit oder ohne Motor - ist in unserer modernen Gesellschaft gleichermaßen ein Spaßgerät für Freizeit, Sport und Urlaub wie auch ein unglaublich effizienter Problemlöser für tausendundeine Transportaufgabe und drängende Verkehrsprobleme," schreibt Chefredakteur Thomas Musch, der auch die Rennradzeitschrift Tour verantwortet.

Bemerkenswert: Freut sich Delius-Klasing mit Tour (Rennrad) und Bike (Mountainbike) bislang über die Marktführerschaft in den sportlichen Nischen, zielt der Verlag nun mit My Bike auf die Allgemeinheit  und macht den Titel zum Generalisten. Das klingt paradox: Special- wird also eine Art Generalinterest. Ganz offenbar wächst die Zahl der Radfahrende so rasant, dass die potentielle Leserschaft gute Geschäfte verspricht. Immerhin ging My Bike mit einer Druckauflage von 100.000 an den Start. Das kann auch den Werbemarkt nicht kalt lassen. Und tatsächlich ist das neue Heft gut gefüllt mit kleinen und großen Anzeigen.

Aber ist das Zeitschriftensegment Fahrrad wirklich schon Mainstream? Werden die Bike-Hefte tatsächlich zu hochauflagigen Titeln so wie es Autozeitschriften einmal waren? Für einen echten Wachwechsel in den Printmedien ist es wohl noch etwas zu früh. Zumindest die Reklame in My Bike stammt (bislang) fast ausschließlich von Fahrrad- und Zubehör-Firmen. Fakt ist: Unser Mobilitätsverhalten ändert sich. Und damit auch die Anforderungen an die Zeitschriften.

Was mir fehlt ist ein echtes Mobilitätsmagazin, das dass gesamte Spektrum des unterwegs seins abdeckt - vom Fußgänger bis zum Vielflieger... . Einen Schritt ist diese Richtung unternimmt hier moove. Das Heft erschien erstmalig am 6. März als Submarke von auto, motor und sport und berichtet über Mobility, Connectivity und Digitalisierung.

Central wollte die urbane Avandgarde ansprechen
Schon 2016 hatte die Motorpresse mit Central versucht, ein modernes Großstadt-Magazin mit Mobilitätsschwerpunkt zu etablieren. Es blieb bei dem Versuch. Das Titelblatt zierte das Stockfoto einer fahrradfahrenden New Yorkerin. Nun also der nächste Versuch mit karl. Für 2018 sind vier Ausgaben geplant. Wie ernst es die Motorpresse mit ihrem Fahrrad-Engagement meint beweist auch die Tatsache, dass sie im Rahmen eines Innovationsprogramm das Start-Up Bikesitter gegründet hat. Es bietet sichere Abstellplätze für Fahrradfahrer bei Großveranstaltungen und dient als passende Werbeplattform für die hauseigenen Fahrradzeitschriften. Kooperationspartner und Vorbild von Bikesitter ist übrigens die Fahrradgarderobe mit Sitz in den Zinnwerken auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg. So viel Symphatiebekundung und Lokalpatriotismus muss schon sein.

Pionier der Fahrrad-Style-Zeitschriften: Cycle
Karl kann vom Background her ähnlich wie der Delius-Klasing-Titel aus vollen Töpfen schöpfen, weil man ja schon reichlich Fahrrad-Erfahrung im Verlag gesammelt hat. Das neue Blatt will ein Rad-Lifestyle-Magazin sein, das nach eigener Werbung "auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt einmalig ist". Logisch, für eine Neuerscheinung muss man selbstbewusst trommeln. Ich sage trotzdem: Einspruch! Denn dieses Segment bedient seit einigen Jahren Cycle. Das Heft führt die Unterzeile "Bike und Style Magazin"und wird in Berlin gemacht. Zum großstädtischen Lebensgefühl gehört heute einfach ein, nein besser zwei oder mehrere, coole Fahrräder.


So gesehen ist das Markenkonzept von Karl und Cycle durchaus stimmig. Oder anders ausgedrückt: Fahrrad und Hippster gehören zusammen wie Computer und Nerds. Auch wenn die Hippster natürlich keine Hippster sein wollen. Warum eigentlich ist der Begriff so negativ besetzt?


Spoke gibt sich sportlich
Und bei allem Hype um die neuen Trendblätter sollte man einen weiteren Pionier der gedruckten Monatslektüre für Biker nicht vergessen: Spoke. Angefangen hat der Paranoia-Verlag mit einem Fokus auf Singlespeed- und Fixie-Kultur; dabei auch schon immer einen Blick auf coole Kleidung geworfen. Neuerdings zielt die Ausrichtung eher auf Gravelbikes und sportliches Events. Hier wird eher die urbane Subkultur als der Mainstream bedient; E-Bikes scheinen im Heft verpönt. Gut so, muss ja nicht jeder auf den Zug aufspringen.


Neuer Trend: Fahrradzeitschriften zielen auf die breite Masse

Bike Bild 1/2018
Wie auch immer, auf jeden Fall sind die neuen Titel, allen voran Delius-Klasings My Bike, eine Kampfansage an den Axel-Springer-Verlag, der ein fast identische Konzept mit Bike Bild verfolgt. Obwohl der Titel bereits seit über einem Jahr veröffentlicht wird, darf es zu den Fahrradheft-Neugründungen gezählt werden. Unter dem Claim "das Magazin für alle, die Fahrrad fahren" steht ebenfalls die Masse der Biker im Fokus. Ob E-Bike-Pendler, Abenteuer-Radler, Hobbysportler oder Vintage-Fan - Bike Bild bedient die Breite. Da ich maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war, erkläre ich mich an dieser Stelle für befangen und verzichte darum auf eine genauere Analyse der Inhalte.



Abenteuerliches Unterfangen: Bike Adventure sucht das Weite

Für Fernweh-Radler: Bike Adventure aus dem Wieland Verlag
Cycle erscheint im Wieland-Verlag, der sich auf sehr männliche Titel wie Tweed, Tactical, Survival oder Messer spezialisiert hat. Und auch hier sieht man noch Platz für einen neuen Fahrradtitel: Bike Adventure hat seit Herbst die Reiseradler, Expeditionsbiker und Abenteurer im Visier. Hier wird also ganz bewusst eine Nische angesteuert. Seit Anfang Februar ist die zweite Nummer im Handel. Anders als die Generalisten My Bike und Bike Bild mit ihrem klaren Bekenntnis zum Pedelec sind karl, Cycle und besonders Bike Adventure nischiger angelegt.

  


Fahrradfahrer-Feinkost: Ein Blick auf den Coffetable und die Spezialitätenecke

Radkulturmagazin Fahrstil: feuilletonistischer geht es kaum
Stichwort Nische! In der nistet seit Jahren das wunderbare Fahrstil. Wenn es so etwas wie ein Fahrrad-Feuilleton gibt, dann ist es dieses dicke Magazin, das sich mit schrägen Titeln, ungewöhnlichen Themen, langen Texten und innovativem Layout weit jenseits des Massengeschmacks etabliert hat. Mit dem stolzen Copypreis von neun Euro bewegt es sich im Edelsegment der teuren Coffeetable-Magazine, genau dort, wo Print noch richtig Sinn macht. Ich bin seit der ersten Ausgabe Fahrstil-Fan, auch wenn ich den umfangreichen Lesestoff immer seltener schaffe und auch nicht alle Ausgaben für gelungen halte.
BQ ist ein Fahrradmagazin mit philosophischen Ansatz

Fast noch lieber als Fahrstil lese ich Bicycle Quarterly, kurz BQ. Es bildet eine Art Gegenpol zu den neuen Mainstream-Magazinen, bedient es doch ebenfalls eine spezielle Klientel von Fahrrad-Enthusiasten: nämlich die Randoneure, Langstrecken-Tourenradler und Qualitätsfanatiker mit einem Traditions-Faible für unverwüstliches, teures und rares Material. Der Mann hinter BQ ist Jan Heine, ein in die USA ausgewanderter Ingenieur aus Deutschland mit ausgeprägter Fahrrad-Macke. Quasi als One-Man-Show liefert er nicht nur Bike-Extremisten sehr hintergründigen und exotischen Lesestoff (z.B. eine Alpenüberquerung auf einem 1947 Tandem...), sondern stellt mit wissenschaftlicher Akribie physikalische Gesetzmässigkeiten richtig. So forscht und testet er seit Jahren erfolgreich am Thema Reifenbreiten und ihren Einfluss auf den Rollwiderstand und Fahrkomfort. Heine war einer der Ersten, die für "je breiter, desto besser" plädierten und besonders weiche Reifenmischungen aus Japan in der Randoneurszene etablierten. Ich jedenfalls kann mich stundenlang in seinen ausführlichen Testberichten verlieren. Aber vorsichtig, für echten Lesegenuss muss man schon etwas technikverrückt sein. Übrigens: Seit dem Spiegel.de über BQ berichtet hat, sind die Heftverkäufe im deutschsprachigen Raum sprunghaft gestiegen. Der Artikel bringt Heines Perfektionismus und seinen Einfluss auf die Renaissance der Randoneure und die Konstruktion hochwertiger Komponenten gut auf den Punkt.

Sonderheft von Spektrum der Wissenschaft
Ebenfalls mit viel Forscherdrang geht es in der Sonderveröffentlichung 200 Jahre Fahrrad, die der Verlag Spektrum der Wissenschaft vergangenes Jahr herausgegeben hat, zu - allerdings nur in digitaler Form. Trotzdem lohnt die Lektüre, wenn man sich über die Historie, gesellschaftlichen Aspekte und tiefgründigen Technikbetrachtungen des Fahrrades interessiert. Das digitale Werk gibt es für 4,99 Euro als Download hier.




Very Specialinterest: Vom Knochenschüttler in die Fahrradzukunft

Gedruckt wie digital wird seit Jahren die Fahrradzukunft veröffentlicht. Ein Heft mit vielen Inhalten, oft sehr techniklastig. So gibt es lange Abhandlungen und Testberichte über die Funktion und Unterschiede bei Nabendynamos oder mobilen Ladegeräten
Gibt's gedruckt, online oder als pdf: Fahrradzukunft
fürs Fahrrad. Oder auch Aufsätze mit Überschriften wie "totpunktloses gekapseltes Fahrradkurbelgetriebe mit integrierter Gangschaltung". Aber auch ganz alltägliche Themen des Radfahrens werden behandelt; beispielsweise die Vor- und Nachteile des Radfahrens während der Schwangerschaft. Oder ums Gleichgewichtsgefühl von Kindern bei ihren ersten Metern auf dem Rad. Oder die Hörbarkeit von Fahrradklingeln. Oder..., ach was, am besten selber hier reingucken.








Vereinszeitschrift vom Historische Fahrräder e.V.: Der Knochenschüttler
Noch spezieller und vor allem historisch geht es in der zwei Mal jährlich erscheinenden Zeitschrift Der Knochenschüttler zu. Sie wird herausgegeben vom Verein historischer Fahrräder und ist eigentlich nur für Mitglieder erhältlich; auch ein schönes Download-Archiv wird gepflegt . Gegen Überweisung verschickt der Verein aber auch Einzelexemplare an Nichtmitglieder. Also, wer sich schon immer mal über den Fahrradbau in der Sowjetischen Besatzungszone schlau machen oder tief in die Geschichte der Sattelfirma Wittkop eindringen wollte, ist beim Knochenschüttler richtig aufgehoben.





US Flop, England top

Letzte Ausgabe vom Boneshaker
Einen Knochenschüttler gibt es auch im englischen Sprachraum, besser ausgedrückt: gab es. Denn vom Boneshaker ist kürzlich nach acht Jahren und 1500 Seiten Lesevergnügen die letzte Ausgabe erschienen. Schade, das Heft wird mir fehlen. Es bot eine tiefgründige Mischung aus oft unerwarteter Richtung und viel Lesevergnügen. Die letzte Ausgabe ist momentan noch hier bestellbar.







Gleiches Schicksal ereilte vor einem Jahr die von mir sehr geschätzte Bicycle Times. Vor allem wegen ihrer vielfältigen und oft kunstvollen Coverfotos mochte ich immer wieder gerne in diese US-Magazin gucken. Nun gibt es nur noch die Webseite und Social media - schade. Anders als in Deutschland sinkt in Amerika offenbar die Zahl der Fahrradpublikationen.





















Ein schönes Vorbild für deutsche Fahrradzeitschriften auf der Suche nach neuen Zielgruppen könnte das in England produzierte Urban Cyclist sein. Gerade in London boomt Radfahren extrem. Eine schöne Blaupause für Berlin, Hamburg, Köln... . Gezielt wird hier der großstädtische Radfahrer adressiert - ein Blatt, das den Zeitgeist gut wieder gibt.


No sports? Von wegen! In England boomt das Rennrad


Dass Radrennsport besonders in England über die vergangenen Jahre an Popularität gewonnen hat, wird auch an den Magazinen zu diesem Thema deutlich. Da gibt es so spezielle Hefte wie Rouleur, Peloton und Simpson, letztes wurde nach dem berühmten Profi Tom Simpson benannt und pflegt einen besonders insiderischen und oft historischen Blick auf die Profiszene.










Und ganz zum Schluss noch eine Perle aus Fernost. Aus Korea kommt das Coffeetable-Fahrradheft far ride. Schon der Titel deutet es an: Die Macher verzichten auf Werbung und bleiben unabhängig. Gefahren wird kreuz und quer in der Welt. Oder auch mal auf dem Berliner Mauerweg. Aber immer mit Inspiration und frei von Sachzwängen und Terminen. Ein Blatt für Reise-Velosophen. Oder solche, die zumindest ein wenig träumen wollen: von epischen Touren, von einem Leben in der Natur, vom globalen Charakteren ohne festen Job, vom Dasein auf dem Fahrrad eben. So wie Far Ride gemacht ist, könnte es aus far out heißen. Weit weg eben, sehr weit weg.

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