Dienstag, 28. November 2017

(Kl)eine Liebeserklärung ans Klapprad

Schon 1966 tauchten Klappräder von deutschen Herstellern auf. Hier ein Schauff
Sie gehören zu den 70er-Jahren wie Pril-Blumen, Abba und Flokati: Klappräder! Damals betrug ihr Marktanteil bis zu 35 Prozent am gesamten Fahrradmarkt. Doch ihr Erfolg war kurzlebig und sie verschwanden schnell in der Versenkung. Heute verströmen 40 Jahre alte Klappräder einen nostalgischen Charme, den immer öfter junge Großstadt-Hippster erliegen. Mit ihren grellen Lackierungen, aufwendigen Dekals und Details wie Flügelmuttern aus Kunststoff oder Plastik-Werkzeugtäschchen transportieren die Zweirad-Youngtimer den Zeitgeist der alten Bundesrepublik in die multimediale Facebook-Generation. Ein Erklärungsversuch, warum alte Klappräder wieder in sind.
1. Die Klapprad-Geschichte (wer was über einzelne Radtypen lesen will, scrollt nach unten)
Man hätte es eigentlich ahnen können. Als spätestens Anfang der 70er die Klappradwelle über Deutschland rollte, war das schnelle Ende dieser Fahrrad-Gattung schon programmiert. Englische Produkte hatten von jeher einen zweifelhaften Ruf, oft allerdings zu Unrecht. Wie so viel technische Konstruktionen dieser Zeit, hatte auch das moderne Klapprad seinen Ursprung in England. Was die Insel-Ingenieure so auf die Räder stellten, hatte zwar Witz und Originalität, vertrug sich aber selten mit dem perfektionistischen Ansprüchen deutscher Konsumenten.

Wie der britische Barde Roger Whittaker eroberten Klappräder vor allem die Herzen älterer Damen und Herren im gereiften Wirtschaftswunder-Deutschland. Doch anders als bei dem Sänger fiel die Klappradmode nach kurzem Hype in Ungenade. Klappräder galten plötzlich als weich, wackelig, unsicher, instabil und schlecht zu fahren, ja sogar als gefährlich.
Typisches 70er Jahre Klapprad

Etwa zeitlich mit einem kleinen Auto namens Mini hatte der englische Konstrukteur Alex Moulton ein Fahrrrad mit Gummifederung entwickelt. Beides hatte seinen Ursprung in der Suez-Krise. Das Auto sollte Sprit sparen, das Rad den Benzinkonsum gleich ganz vermeiden. Das Moulton war dabei ursprünglich als Klapprad gedacht; die "Stowaway" genannte Zerlegeversion spielte dann aber nur eine Nebenrolle. Das Gros der Moulton rollte mit fixen Rahmen aus den Fabriken in Bradford on Avon und Kirkby. Es waren vor allem die kleinen 16 Zoll-Räder, die Stowaway-Nachahmer auf den Plan riefen und entsprechende Steck- und Zerlegeversionen auf den Markt brachten.

Moulton war auch der geniale Kopf hinter der Hydrolastik-Federung, die im Mini zum Einsatz kam. Der Mini und das Moulton-Klapprad waren urbritische und skurrile Produkte. Optisch wie technich sehr eigenwillig, liebenswürdig und mit Macken behaftet. Aus Sicht der deutschen Fahrzeugentwickler hatten Mini und Moultons Klapprad Unzulänglichkeiten. Trotzdem nahmen sie die englischen Konstruktionen zum Vorbild. 15 Jahre nach dem Mini präsentierte VW 1974 den ersten Golf der mit Frontantrieb, Quermotor und einer guten Raumausnutzung der Karosserie das technische Layout des Mini kopierte. Ähnlich weckte auch das Moulton-Fahrrad das Interesse der Entwicklungsabteilungen und so brachten fast alle großen deutschen Farradhersteller Klappräder auf den Markt.

Graziella aus Italien mit 16 Zoll Rädern
Dabei setzten die Produzenten im Wesentlichen auf zwei Radgrößen: 20 und 24 Zoll. In Italien dagegen wurden auch Graziella-Räder mit 16 Zoll-Bereifung und sogar klappbare Kinderräder in mit nur zwölf Zoll großen Rädern gefertigt.






Italienische Infanteristen mit Klapprädern im 1. Weltkrieg


Armee-Klapprad von Express
Doch wo und wann haben zerlegbare und faltfähige Fahrräder tatsächlich ihren Ursprung? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Sehr wahrscheinlich liegt ihre Geburtsstunde wie so vieles in kriegerischen Auseinandersetzungen. So setzten sie bereits im 1.Weltkrieg italienische Infrantisten ein, im 2. Weltkrieg dann britische Fallschirmjäger Klappräder, um im Zielgebiet mobil zu sein. Zu den Wegbereitern des modernen Klapprades zählt das französische Le Peitit Bi von 1938, das unter anderem auch das Brompton beinflusst haben soll.

2. Warum alte Klappis heute faszinieren

Retro ist angesagt. Statt Oldtimer liebt die Autoszene inzwischen Youngtimer wie Ford Taunus, Opel Commodore, VW K 70 - typische 70er Jahre Butter-und-Brot-Gefährte, die sympathischer rüberkommen als ein dicker (und teurerer) Benz oder BMW. In Szeneläden und auf Flohmärkten sind Vintage-Klamotten der letzte Schrei. Sogar ganze Läden, die sich auf Wirtschaftswunder-Artikel und Nostalgika spezialisiert haben, gehören in angesagten Stadtteilen von hamburg bis München zum Strassenbild. Klar, das der Retrotrend auch vorm Klapprad nicht Halt macht. Wanderten alte Klappis bis vor ein paar Jahren auf den Schrott oder Sperrmüll, werden sie inzwischen in gutem Zustand für über 100 Euro gehandelt. Ist eine Fichtel & Sachs- Duomatic verbaut, steigt der Angebotspreis oft noch deutlich höher. Und dann gibt es da noch so ein paar wirkliche Spezialitäten wie das Duemilla aus Italien oder das japanische Katakura Porta Silk Cycle, für die 500 bis 1000 Euro verlangt werden. Und auch das Bickerton genießt heute trotz seines fragwürdigen Fahrverhaltens Sammlerstatus.

Bleiben wir bei der deutschen Massenware. Was macht die Dinger aus? Es ist wohl die Sehnsucht nach einer versunkenen Welt. Klappräder bringen ein Stück alte BRD zurück. Eine Zeit, in der es zwei deutsche Staaten gab, in der junge Männer nach Berlin flüchteten, um der Bundeswehr zu entgehen. Eine Phase, die zwischen spießigen Bürgertum und radikalen Weltveränderungsideen der älter werdenden 68er changierte. Eine Epoche, die heute von sehr speziellen Erinnerungen und Klisches gespeist wird. Diese romantische Verklärung rückt auch das Klapprad in den Fokus materieller Begierden, um sich so ein typisches Stück der untergegangenen Bonner Republik zu sichern. Wer hätte nicht gerne einen Kronleuchter der Titanic in seinem Haus hängen? Zumindest im Hobbyzimmer?
Sogar Tandems wurden in Klappversion gebaut.

Dabei sind es weniger die echten Zeitzeugen der Pillenknick-Generation, die sich heute für ein altes Klappi begeistern, sondern eher deren Kinder und Enkel. Ein Heidemann in schwefelgelb oder ein Sprick in giftgrün oder ein EK-Rad in tiefblau oder ein Rekord in goldmetallic - es sind vor allem die weit verbreiteten U-Rahmen mit dem Zentralscharnier, die heute Retrofans begeistern.

3. Klapprad-Typen
Gängiges Typ aus deutscher Produktion ist der U-Rahmen mit runden oder viereckigen Rohren und 20 Zoll Rädern. Ein Scharnier oder Verbindungselement im Rahmenhauptrohr vorm Tretlager macht das Rad klapp- oder zerlegbar. Die Stilvariationen sind vielfältig - vom simplen Einfachrad bis hin zur rustikalen Variante mit Stollenreifen und Bonanzagabel. Selbst Tandems mit U-Rahmen wurden produziert. Auch die schneller und besser fahrbaren 24 Zoll Klappis folgen meistens der U-Form. Sehr bemerkenswert sind Klapp-T
Tandem von HWE für Doppel- oder Solofahrten. Quelle: Bonanzaradforum
andems von Kalkhoff und anderen, die entweder in Zwei-Konfiguration oder auch solo zu fahren sind, in dem einfach der Mittelteil weggelassen wird.


Weniger barock und stabiler wirken die Klapps mit geraden Hauptrohr, das mit dem Sattelrohr quasi eine Art Kreuuzrahmen bildet. Bekanntester Vertreter diedser Gattung dürfte das Mifa-Klapprad aus DDR-Produktion sein. 

 


Hochwertiger und stilvoller sind jene Klappräder, bei denen der Rahmen in Stahlpress-Bauweise (auch Kastenrahmen genannt) ausgeführt ist. Das Sparda 8-80 aus Holland ist beispielsweise so eines; es ist wurde baugleich auch als Batavus oder Gazelle verkauft - eine eher niederlämdische Spezialität also. Durch die Stahlpress-Bauweise erinnern diese Räder ein wenig an Mopeds. Ein ähnliches Modell lieferte auch die Nürnberger Traditionsmarke Hercules.
Neckermann Klapprad aus dem Katalog von 1963


Doch während die "Holländer" am Steuerrohr getrennt wurden, hatte das Hercules ein Scharnier am Zentralrohr. Eine echte Designikone ist das Neckermann Klapprad aus den frühen 60er Jahren, das stark an das starr konstruierte Hercules 2000 erinnert. Beide Modelle stehen auf meiner Wunschliste sammelwürdiger Fahrräder weit oben.
Sparta 8-80 gab's als Zerlegeversion oder mit festem Rahmen

 















Zeitlich vorm 70er-Jahre-Klapprad-Boom boten viele Hersteller 26-Zoll-Räder in klappbaren Versionen an - eigentlich ein guter Weg, denn fahrdynamisch sind diese Typen meist deutlich besser als 20 Zöller. Als Beispiel sei hier das Victoria genannt.
Victoria Klapprad




Bickerton Klapprad mit Lenkertasche
Beim Thema Klapprad kommt man natürlich am Brompton nicht vorbei. Es ist das praktischste und wohl beste Klapprad auf dem Markt, weil es über einen genialen Klappmechanismus verfügt, ein extrem kleines Packmass (16 Zoll Räder) bietet und mit seinem Stahlrahmen ausgesprochen robust konstruiert ist. Vorläufer des Brompton war übrigens das bereits erwähnte Bickerton - ein sehr skurilles Gerät aus Flugzeug-Aluminium mit sehr kleinen Laufrädern, riesigem Geweihlenker und abenteuerlich wackeligem Fahrverhalten.

Nun, die Liste bemerkenswerter Klapprad-Exoten wie Di Blasi oder Strida ließe sich weiter fortsetzen, würde aber den Rahmen dieser kleinen Abhandlung noch mehr sprengen.

Nur noch so viel: Wer sich ein hochwertiges Klapprad zum Pendeln im ICE sowie Bus und Bahn gönnen will, sollte sich an Hersteller wie Brompton, Tern und Dahon halten. Auch Riese und Müller hat mit dem legendären Birdy einen Klassiker im Programm. Für gelegentlich Kurzstrecken auf dem Campingplatz tut es aber auch ein Curtis oder anderes Dicountbike von Penny, Lidl etc.

Und natürlich hat die Industrie inzwischen auch zahlreiche E-Bikes in Klappausführung im Programm. Nachteil der Elektro-Falter ist allerdings das fast immer viel zu hohe Gewicht.

Musiker David Byrne, Mitglied der Popband Talking Heads, ist übrigens begeisterter Klappradfahrer. Wenn er auf Tour ist, hat er meist ein Montague im Gepäck. Diese US-Marke baut Straßen- und MTB-Klappräder in verschiedenen Größen. Seine Erlebnisse hat David in dem lesenswerten Buch Bicycle Diaries zusammengefasst. Unbedingt lesen!








Und ganz zum Schluß noch ein Wort zum Kalmit Klapprad-Cup. Seit vielen Jahren schon veranstalten ein paar lebenbejahende Pfälzer ein sehr lustiges Bergrennen für Klappräder. Wer in diese verrückte Szene einsteigen möchte geht nach hier. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen