Dienstag, 29. August 2017

Kinder-Anhänger statt Cargobike: Wenn das Fahrrad zum Zug wird

Anhänger-Trio: Endlich ein Ende der Transportprobleme
Nicht erst seit ich Kinder habe, sind Fahrradanhänger für mich eine große Sache. Sie erweitern die Einsatzmöglichkeiten des Fahrrades erheblich und empfehlen sich als Alternative zum Lastenrad. Besonders die Kinderanhänger von Firmen wie Croozer machen den Alltag mit dem Nachwuchs leichter, weil sie neben den Kids auch viel Gepäck aufnehmen, sehr guten Wetterschutz bieten und zum joggen geeignet sind. Nur wenn mehr als zwei Kinder transportiert werden sollen stossen sie an Grenzen. Oder was tun, wenn zusätzlich zu Geschwistern noch Laufrad, Bagger, Eimer, Schaufeln, Bälle mit müssen? Darum bin ich auf die Idee gekommen, mehrere Anhänger hintereinander zu staffeln. Ja, das ist erlaubt oder zumindest nicht ausdrücklich verboten. Und sicher fährt sich so ein kleiner Fahrrad-Zug auch.
Rund sechs Meter Länge machen den Fahrrad-Zug etwas ungelenk
"Guck mal! Wie cool ist das denn?", die Verwunderung der Spaziergänger im Wilhelmsburger Inselpark ist nicht zu überhören. Hinter meinem Rad wehen gleich drei Signalwimpel im Wind. Sie gehören zu drei Anhängern, die ich hinters Bike gespannt habe. Das erzeugt neugierige Blicke und viele Kommentare. Und löst ein gängiges Problem: Wie transportiere ich mehrere Kinder plus Gepäck mit dem Fahrrad?
Ob die Ausbilder des Fahrrad-Nachwuchses mein Gespann gut finden, war nicht zu erfahren

Schon als ich unseren einsitzigen "Alt-Croozer" hinter den neuen "Croozer Kid plus 2" kopple, umrundet unserer älterer Sohn unruhig das Gespann. Was macht der Papa da nur? So oder so ähnlich muss es in seinem Kopf zugehen. "Da rein", ruft er laut und zeigt auf den Einsitzer. In dem hat er viele Kilometer in seinen ersten beiden Lebensjahren zugebracht. Nun sitzt er fast täglich rechts neben seinem jüngeren Bruder (8 Monate) im Doppelsitzer. Ob er sich an seine Alleinfahrer-Zeit erinnert? Oder ist es die Neugier, die ihn in das veraltete Modell treibt? Keine Ahnung! Auf jeden Fall nimmt er grinsend Platz und freut sich auf die ungewöhnliche Testtour.

Diese führte uns mehrere Kilometer über die Elbinsel Wilhelmsburg, vornehmlich auf breiten Wegen durch den Inselpark. Reaktionen siehe oben. Damit dass alles nicht allzu statisch rüber kommt, gibt es das Ganze auch in bewegten Bildern:


Zwei Anhänger hinter Lkw
Anhänger-Duos aren in den 50ern gängig
Die Idee, mehrere Anhänger hinter ein Zugfahrzeug zu hängen, ist nicht neu. Zur Erntezeit sind oft Traktoren zu sehen, die zwei große Anhänger ziehen. In den 60er Jahren war das auch bei Lkw üblich. Und die Firma Westfalia rüstete in den 50ern ihre Pkw-Anhänger mit einer Kupplung aus, um dahinter weitere Trailer zu staffeln. Hauptgrund dafür war aber, die Anhänger zeiteffizient vom Werk zum Bahnhof in Wiedenbrück zu transportieren.

Foto: Brezelfenstervereinigung Sechs Westfalia auf dem Weg zum Bahnhof
In den USA und noch mehr in Australien sind motorisierte Zugfahrzeuge mit meheren Anhängern noch heute üblich - Down Under nennt man das dann "Roadtrain".
Roadtrain in Australien

In Deutschland ist so etwas im normalen Straßenverkehr tabu. Für Fahrradgespanne gibt es aber zum Glück keine Einschränkungen für zwei, drei oder noch mehrere Anhänger hinterm den Zugrad - zumindest so lange die Gesamtlänge von zwölf Metern nicht überschritten wird.

So weit die Theorie. Doch wie sicher und gut ist so etwas in der Praxis? Versuch macht klug. Da ich neben unserem ersten Croozer für ein Kind neuerdings auch einen Doppelsitzer zur Verfügung habe, waren die beiden Kinderanhänger nach einer Stunde Bastelei solide hinter dem Zugrad verankert. Und um das Experiment komplett zu machen, spannte ich als Sahnehäubchen noch den Ikea-Trailer als dritten Anhänger ans Ende des kleinen Fahrrad-Zuges.
Mit voller Beladung: zwei Kinder plus Transportgut im Alltag

Schon im Stand sieht das einigermassen imposant aus. Dann Kinder rein, Gepäck auf den Sladda-Trailer, rauf aufs Rad und los. Und siehe da: Der kombinierte Personen-Gütertzug rollt leichter als befürchtet. Zwölf bis 15 km/h sind in der Ebene kein Problem. Auch das Bremsen funktioniert aus diesem Tempo fast ohne Einschränkungen. Der Anhalteweg verlängert sich bei voller Verzögerung beider Bremsen wenn überhaupt nur minimal. Da der Anpressdruck aufs Hinterrad grösser ist als beim Fahrrad ohne Anhänger, dürfte sich die Bremswirkung am Heck sogar erhöhen. Auf jeden Fall neigte das Hinterrad bei meinen Fahrversuchen eher zum Blockieren also ohne Anhängelast.


Wo also ist der Haken? Es sind die Kurven. Mit rund sechs Metern Länge steigt der Wendekreis so stark an, dass beim Abbiegen und Wenden Navigationskünste und Geschick auf dem Rad erforderlich sind. Besonders Poller, Falschparker und enge Radwege fordern den Fahrer des Anhänger-Trios. Erschwernd kommt hinzu, dass Trailer zwei und drei nicht mittig hinter dem Rad laufen, sondern leicht versetzt nach links.

Problematisch: Das Gespann-Trio braucht viel Platz
Darum: Für die tägliche Transportpraxis ist mein Eigenbau-Konzept nicht tauglich. Sollte aber ein Anhänger-Hersteller auf die Idee kommen, eine Anhänger-Staffelung werksseitig anzubieten, könnte ein Schuh daraus werden. Die Deichsel wäre dafür weiter in der Mitte anzuschlagen und die Baubreite der Trailer möglichst schmal zu halten.

Klar, für enge Altstadtgassen wird ein Mehr-Anhängergespann nie eine Option werden. Doch für Überlandausflüge ist die Lösung durchaus praktikabel. Was auf jeden Fall schon bei meiner DIY-Variante gut klappt, ist die Kombination aus Croozer Plus Cargotrailer - also ein abgespecktes Programm aus zwei Anhängern. Länge und Wendigkeit sind noch vertretbar, die Transportkapazitäten enorm und die erhöhten Fahrwiderstände erträglich.
Praktikabel: Anhänger-Duo aus Croozer und Ikea Sladda
Für diejenigen, die's nachbauen wollen, hier ein kleiner DIY-Tipp: Croozer (und auch andere Trailer) haben am Heck eine Stossstange aus Alu. Plastikschutzkappe durch Ausbohren der Poppnieten entfernen. In das nun offene Rohr passt ziemlich bündig ein Ein-Zoll-Gussleitungsstück mit Aussengewinde aus dem Baumarkt (Sanitärabteilung). Dieses einpassen, dann Alustosstange samt Gussrohr von oben nach unten durchbohren und mit einem M6-Bolzen so im Alurohr verschrauben, dass gerade noch das zöllige Gewinde rausguckt. Abdeckschraube (natürlich auch 1 Zoll) in der Mitte mit einem Bohrer (10,5 mm) durchbohren, entgraten und die Anhängerkupplung (AHK) mit einer kurzen M10-Schaube, U-Scheiben (noch besser sind geriffelte Exemplare mit Verdrehsicherung), Stoppmutter und Schraubensicherung sehr fest fixieren. Wichtig: Da der Anbringungsort der AHK ziemlich tief sitzt, schon beim Sichern des Gussleitungsstücks darauf achten, dass der Zapfen der AHK später in der Zwölf-Uhr-Position fixiert ist, damit die Deichsel eine möglichst hohe Position bekommt. Fertig.
So geht's: Mit zwei Trailern ist Manövrieren fast unproblematisch

Viel Spaß beim Zugfahren!

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